Essen war für mich lange Zeit etwas, das man einfach schnell hinter sich bringen musste. So bin ich aufgewachsen. In meiner Familie spielten Mahlzeiten eine untergeordnete Rolle. Es war keine Zeit der Entspannung, des Genusses oder des Beisammenseins. Stattdessen ging es darum, möglichst schnell zu essen und danach wieder zu dem zurückzukehren, was wirklich Spaß machte – spielen, Freunde treffen, einfach Kind sein. Wir setzten uns an den Tisch, schaufelten das Essen in uns hinein und nach zehn Minuten war alles vorbei. Gespräche gab es kaum, und wenn doch, dann waren sie kurz und oberflächlich. Für mich bedeutete das damals, dass Essen eher eine lästige Pflicht war als ein Genussmoment. Diese schnelle Art des Essens begleitete mich durch die Kindheit und setzte sich auch später fort.

Während meiner ersten Ausbildung änderte sich daran wenig. Ich arbeitete in einem großen Automobilwerk, das eine riesige Kantine hatte. Die Pausenzeit betrug offiziell 30 Minuten, aber diese Zeit schmolz schnell dahin. Die Strecke zur Kantine dauerte gut fünf Minuten, und auf dem Rückweg genauso lange. In der Kantine angekommen, musste man sich oft in langen Schlangen anstellen, bis man endlich sein Essen bekam. Diese Routine ließ mir kaum Zeit zum eigentlichen Essen. Zehn Minuten blieben übrig, und selbst die waren oft unterbrochen von Gesprächen oder anderen Ablenkungen. Auch das Rauchen gehörte damals noch zu meinem Alltag, was zusätzlich Zeit kostete. So hatte ich mir angewöhnt, in wenigen Minuten möglichst viel zu essen, ohne groß darüber nachzudenken. Schnell alles reinzuhauen, war die Devise.

Diese Gewohnheit prägte mein Essverhalten auch noch viele Jahre später. Selbst als ich schon längst nicht mehr in der Kantine aß, sondern zu Hause oder in Restaurants, blieb das Gefühl, dass Essen schnell erledigt sein musste. Ich aß oft im Stehen, nebenbei oder vor dem Fernseher. Ich dachte kaum darüber nach, was ich eigentlich aß. Es war wie ein Automatismus, der sich über die Jahre hinweg eingeschlichen hatte. Dabei blieb der Genuss auf der Strecke, und ich bemerkte nicht einmal, dass mir etwas fehlte. Mein Körper signalisierte mir zwar immer wieder, dass diese Art des Essens nicht gut für mich war – ich fühlte mich oft aufgebläht, überfressen oder hatte Magenprobleme – doch ich schob das auf alles Mögliche, nur nicht auf mein Essverhalten.

Erst viel später, als ich begann, mich intensiver mit meiner Gesundheit und meinem Wohlbefinden auseinanderzusetzen, stieß ich auf das Konzept des bewussten Essens. Der Gedanke, dass man sich beim Essen auf die Nahrung konzentriert, jeden Bissen genießt und sich Zeit nimmt, war mir völlig fremd. Doch je mehr ich darüber las, desto klarer wurde mir, dass ich etwas ändern musste. Essen sollte doch mehr sein als nur die reine Nahrungsaufnahme. Es sollte eine Möglichkeit sein, den Körper zu nähren, aber auch den Geist zu entspannen und sich mit sich selbst zu verbinden.

Ich begann, meine Gewohnheiten langsam zu hinterfragen. Warum aß ich so schnell? Warum fühlte ich mich nach den Mahlzeiten oft so unwohl? Warum hatte ich so wenig Freude am Essen? Es war, als hätte ich eine völlig neue Welt entdeckt, eine Welt, in der Essen nicht nur Notwendigkeit war, sondern auch Freude, Genuss und Achtsamkeit. Ich beschloss, es auszuprobieren und mich bewusst auf das Essen zu konzentrieren, ohne Ablenkungen, ohne Eile, ohne die ständige Hast, die mich sonst immer begleitete.

Der erste Schritt war, mir mehr Zeit für meine Mahlzeiten zu nehmen. Ich setzte mich bewusst an den Tisch, legte das Handy beiseite, schaltete den Fernseher aus und konzentrierte mich nur auf das, was vor mir lag. Anfangs war es ungewohnt, fast schon unangenehm. Es fühlte sich falsch an, so viel Zeit für etwas zu verwenden, das ich sonst immer nebenbei erledigt hatte. Aber ich blieb dabei. Ich wollte erfahren, wie es sich anfühlt, wirklich zu essen, jeden Bissen zu schmecken, die Aromen wahrzunehmen und die verschiedenen Texturen zu spüren.

Schon nach wenigen Tagen bemerkte ich die ersten Veränderungen. Das Essen schmeckte plötzlich intensiver, als hätte ich es nie zuvor wirklich gekostet. Ich entdeckte Nuancen, die mir früher entgangen waren, und spürte, wie sich mein Körper auf die Nahrung einstellte. Mein Magen schien ruhiger zu werden, ich fühlte mich weniger aufgebläht und insgesamt wohler. Auch mein Sättigungsgefühl setzte früher ein. Es war, als hätte mein Körper endlich die Zeit bekommen, die er brauchte, um mir zu signalisieren, dass es genug war. Ich aß weniger und fühlte mich dennoch satt und zufrieden.

Diese neue Art des Essens eröffnete mir eine ganz neue Perspektive auf meine Beziehung zur Nahrung. Ich verstand, dass es nicht nur darauf ankommt, was man isst, sondern vor allem auch, wie man es isst. Achtsamkeit spielte dabei eine zentrale Rolle. Es ging darum, mit dem Kopf bei der Sache zu sein, die Nahrung wertzuschätzen und die Mahlzeit als eine Art Ritual zu betrachten. Jede Mahlzeit wurde zu einer Gelegenheit, mich selbst besser kennenzulernen und meinen Körper bewusst zu nähren.

Mit der Zeit entwickelte ich meine eigene Routine, die mir half, das bewusste Essen fest in meinen Alltag zu integrieren. Ich setzte mich immer an denselben Platz, sorgte für eine ruhige Atmosphäre und nahm mir bewusst Zeit für jede Mahlzeit. Ich lernte, langsamer zu essen, kleinere Bissen zu nehmen und gründlich zu kauen. Das alles half mir, die Aromen intensiver wahrzunehmen und das Essen mehr zu genießen. Diese neue Art des Essens war nicht nur gut für meinen Körper, sondern auch für meinen Geist. Ich fühlte mich ruhiger, entspannter und konnte den Stress des Alltags besser hinter mir lassen.

Natürlich war es nicht immer leicht, diese neue Gewohnheit beizubehalten. Es gab Tage, an denen der alte Automatismus wieder durchbrach und ich schnell und unachtsam aß. Aber das war in Ordnung. Ich lernte, geduldig mit mir selbst zu sein und mich nicht zu verurteilen. Es ging nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, mein Essverhalten langfristig zu verändern und eine gesunde Beziehung zur Nahrung aufzubauen.

Ein weiterer Aspekt, den ich durch das bewusste Essen lernte, war die Wertschätzung für das, was ich aß. Ich begann, mich mehr mit den Lebensmitteln auseinanderzusetzen, die auf meinem Teller landeten. Woher kamen sie? Wie wurden sie hergestellt? Was taten sie für meinen Körper? Diese Fragen halfen mir, eine tiefere Verbindung zu meiner Nahrung aufzubauen und bewusster zu wählen, was ich aß. Ich kaufte öfter auf dem Markt ein, wählte regionale Produkte und achtete auf Qualität. Das Einkaufen wurde zu einem bewussten Akt, der mir half, mich noch mehr mit meiner Ernährung zu beschäftigen.

Durch das bewusste Essen verbesserte sich nicht nur meine körperliche Gesundheit, sondern auch mein allgemeines Wohlbefinden. Ich fühlte mich ausgeglichener und zufriedener. Die Ruhe, die ich während der Mahlzeiten fand, übertrug sich auf andere Lebensbereiche. Ich wurde achtsamer im Umgang mit mir selbst und meinen Bedürfnissen. Ich nahm mir mehr Zeit für die Dinge, die mir wichtig waren, und lernte, den Moment zu schätzen.

Auch mein Gewicht regulierte sich auf natürliche Weise. Ich aß weniger, fühlte mich dennoch satt und hatte weniger Heißhungerattacken. Mein Körper schien sich an die neue Art des Essens anzupassen und dankte es mir mit einem besseren Körpergefühl. Ich fühlte mich leichter, energievoller und hatte das Gefühl, meinem Körper endlich das zu geben, was er wirklich brauchte.

Bewusstes Essen war für mich mehr als nur eine Änderung meines Essverhaltens. Es war der Beginn einer Reise zu mir selbst, zu einem besseren Verständnis meiner Bedürfnisse und zu einer tieferen Verbindung mit meinem Körper. Es half mir, alte Gewohnheiten abzulegen und neue, gesündere Routinen zu entwickeln. Es war nicht immer einfach, aber es hat sich gelohnt. Die Vorteile, die ich durch das bewusste Essen erfuhr, waren vielfältig und tiefgreifend.

Heute ist das bewusste Essen ein fester Bestandteil meines Lebens. Es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, achtsam mit sich selbst umzugehen und sich die Zeit zu nehmen, die man braucht. Es hat mir geholfen, eine gesunde Beziehung zur Nahrung aufzubauen und meinen Körper besser zu verstehen. Es hat mir gezeigt, dass Essen mehr sein kann als nur Nahrungsaufnahme – es kann ein Akt der Selbstfürsorge, der Achtsamkeit und des Genusses sein.

Wenn du dich oft gestresst fühlst, beim Essen kaum zur Ruhe kommst und das Gefühl hast, dass das Essen für dich eher eine Pflicht als ein Genuss ist, dann kann ich dir nur empfehlen, es einmal mit bewusstem Essen zu versuchen. Es ist eine kleine Veränderung, die eine große Wirkung haben kann. Nimm dir die Zeit, setze dich hin, genieße jede Mahlzeit und schenke dir selbst die Aufmerksamkeit, die du verdienst. Es lohnt sich, denn bewusstes Essen ist mehr als nur ein Trend – es ist ein Weg zu mehr Wohlbefinden, mehr Genuss und mehr Zufriedenheit in deinem Leben.